Die starke Frau an Luthers – eine Spurensuche</strong

2017, im Jahr der Reformation, ist Dr. Martin Luther in aller Munde. Im ARD-Fernsehfilm zeigte man nun auch das Leben von Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, einer Frau vom Adel. Gerade, weil wir über Katharina von Bora nur sehr wenig wissen, ist es für mich umso überraschender und geradezu spannend gewesen, dass dieser Film einem großen Publikum gezeigt wurde. Ein Dank geht somit an das Fernsehen sowie an die großartige Schauspielerin Karoline Schuch, sie spielte die Frau Luthers hervorragend.

Viele Frauen haben in der Zeit der Reformation „ihre Frau“ gestanden. Mit ihnen bekam die Frauenbewegung der Neuzeit neue Impulse. Zu nennen wäre vor allem Argula von Grumbach, die erste Schriftstellerin der Reformation. Doch nun zu Katharina von Bora. Dr. M. Luther nannte sie „mein Morgenstern“ oder auch mal liebevoll- ironisch „Herr Käthe“. Katharina von Bora wurde 1499 geboren, gerade noch vor Beginn der Neuzeit – in einem Gut in Lippendorf, südlich von Leipzig. Kaum 5 Jahre alt, starb ihre Mutter. Der Vater brachte sie in das Benediktinerkloster nach Brehna nahe Bitterfeld. Mit 10 Jahren kommt sie in das Zisterzienserkloster Mariathron nach Nimbschen bei Grimma. Dort legt sie 1515 ihr Gelübde ab. So ist ihr Leben von frühester Kindheit durch den klösterlichen Lebensrhythmus geprägt. Sie lernt Lesen, Schreiben, Latein. Im Kloster Mariathron ist eine Verwandte, Margarete von Haubitz – Äbtissin – die Katharina zur mütterlichen verständnisvollen Begleiterin wird.

Der Tagesablauf der Nonnen im Kloster ist bestimmt vom Wechsel von Schweigen, Gesang, Gebet, das dient der Kontemplation… Und dazu harte Arbeit im Klostergarten und Haus. Luthers Worte dringen auch hinter die Klostermauern. Der Ratsherr Leonhard Koppe aus Torgau schmuggelt Lektüre, Schriften Luthers, ins Kloster. Katharina und ihre Freundin Ave von Schönfeld lesen sie – es beeinflusst ihre Weltanschauung. Auch die Lehre der Kirche verändert ihr Bild. Nicht das Klosterleben allein dient als Weg vom Glauben zur Seligkeit, sondern mit Hilfe des Wortes Gottes „Lectura Biblia“ und die befreiende Sicht: Du wirst allein aus Gnaden selig, weil Gott dich annimmt. Nicht Ablass, nicht „Du kannst dir das Himmelreich verdienen“, sondern „Du bekommst es geschenkt“. Solche Worte lassen Katharina innerlich stark werden und sie verlässt mit weiteren acht Nonnen 1523 das Kloster.

Noch ist nicht abzusehen, dass sie die Frau des Reformators werden wird. Sie geht in eine ungewisse, ungesicherte Zukunft. Sie findet zunächst Unterkunft im Hause des großen Malers Lucas Cranach in Wittenberg. Denn für entlaufene Nonnen galt: Sie waren „vogelfrei“ und es war, bei Todesstrafe verboten, eine entlaufene Nonne zu heiraten. Demütigende Spottverse bekam Katharina oft zu hören. Im Sommer 1523 kommt es zu einer Annäherung Katharinas mit dem Patriziersohn Hironymus Paumgartner aus Nürnberg, der wohl auch gerne Katharina geheiratet hätte, aber er bekam große Schwierigkeiten seitens seiner Familie. Barbara Cranach kümmerte sich sehr um die verletzte, enttäuschte Seele Katharinas, sie nahm sich besonders Katharina an. So schickte sie auch Katharina öfters ins nahe gelegene Kloster, um den „Doctorus“ mit Nahrung zu versorgen. Und Katharina war oft erstaunt, in welcher Armut und Demut der große „von ihr so verehrte“ Reformator dort lebte. Anscheinend hat es bei diesen Besuchen bei den beiden „doch“ gefunkt, wie uns berichtet wird. Schließlich fühlte sich Martin Luther auch verantwortlich für die Nonnen. Darum wollte er auch beweisen, dass er seine Überlegungen hinsichtlich des zöllibatären Lebens und der Bewertung der Ehe ernst nahm. Auch er legte die Mönchskutte ab.

Vielleicht, so wird verschiedentlich berichtet, war es keine „himmelhochjauchzende Liebesromanze“ zwischen den beiden. Aber man höre: Am 13. Juni 1525 – Martin Luther war 42 Jahre alt – Katharina 26 Jahre, für damalige Zeiten ein hohes Heiratsalter und vielleicht auch für beide eine schwierige Entscheidung, hatten sie doch beide einmal „Ehelosigkeit“ gelobt, heiraten die beiden. So war Martin Luther überzeugt „die Engel im Himmel würden sich freuen und der Papst sich gründlich ärgern“. War der Entschluss zu heiraten, auch ein Zeugnis für das Evangelium? Ein Bekenntnis für die Ehe? Und ich merke an: Liebe war sicher auch dabei. Mit einem fröhlichen Pfeiffenkonzert zog die Hochzeitsgesellschaft ins schwarze Kloster ein. Phillip Melanchthon, Luthers Beichtvater Prof. Bugenhagen, viele Freunde, Luthers Eltern waren dabei, beim Hochzeitsmahl. Das evangelische Pfarrhaus war geboren.

Katharina hatte nun als Ehefrau für den rasch wachsenden Hausstand zu sorgen. Neben eigenen Verwandten, beherbergte und verköstigte sie auch Studenten. Sechs eigene Kinder kamen dazu. Mit zwei Jahren starb Elisabeth. Mit 14 Jahren starb Magdalena. Der Tod der geliebten Töchter traf die Eltern schwer. Wer ein Kind selbst verloren hat, weiß um die Anfechtungen. Martin Luther war viel auf Reisen und arbeitete an der Bibelübersetzung. Jedoch, weil Martin Luther ja selbst den Ehealltag miterlebte, schrieb er mit einem erweiterten Blickwinkel. Überhaupt hat sich durch die Reformation auch der Umgang in Richtung einer Aufwertung der Lebenssituation der Frauen verändert. Waren diese zur damaligen Zeit ungeachtet geblieben. Die Ehe sei eben auch eine gottgewollte Lebensform und es gelte Gott in der Ehe zu dienen. Aber es solle selbstbestimmt gewählt werden, welche Lebensform für jeden passt, Gott zu dienen.

Mit Worten und Geschichten kann man eigentlich gar nicht beschreiben, was diese Frau, an Luthers Seite geleistet hat. Sie hatte „zwei starke Arme, hundert Ideen, große Pläne, ein kluges Köpfchen“, und sie war, eine fromme, im Glauben fest gegründete Frau. Wenn sie außer Haus ging, trug sie die Tracht einer Adligen. Dr. M. Luther lobte sie oft in höchsten Tönen „Sein Lieb wollte er nicht gegen ganz Frankreich und Venedig hergeben, darum, weil sie mir Gott geschenkt und mich ihr gegeben hat“. Oft saßen bis zu 40 Personen an ihrem Mittagstisch, Studenten, Obdachlose, Professoren, Verwandte. Den verwilderten Klostergarten bewirtschaftete sie. Sie pflanzte und erntete, um alle „Mäuler“ satt zu kriegen. Sie bohrte und reinigte den Brunnen. Obst und Beerensträucher, Kräuter pflanzte sie, pflegte Kranke im Spital. Pflanzte Rosen an der Klostermauer. Errichtete das Eingangsportal am Kloster neu.

Ich denke, was Luther zeitlebens schwer fiel, schien Katharina perfekt zu beherrschen. Oft ging es über ihre Kräfte. Katharina jedoch liebte ihren Martinus und so konnte sie ihm auch während der schwierigen Zeiten des Umbruchs, der Anfeindungen, der Reisen, der Arbeiten, ihn unterstützen. Sie war eine starke Frau, im „guten“ Sinne dieses Wortes. Die Gesundheit des 63jährigen Mannes litt. Kein Wunder. 1546 fährt M. Luther zu den Grafen nach Mansfeld, um einen Streit zu schlichten. Seine Söhne begleiten ihn nach Eisleben. Der schmalkaldische Krieg wütet. Luthers Kräfte verlassen ihn, er stirbt im Beisein seiner Söhne. Auf einen Zettel finden Freunde die letzten Worte Luthers „wir sind Bettler das ist wahr“. Knapp 19 Jahre war Katharina an seiner Seite. Sein Testament für sie war ein Liebesbrief. Das Original befindet sich in Budapest.

Die Zeiten blieben unruhig, die Pest wütet in Wittenberg, Katharina muss wieder einmal fliehen, um der Epidemie zu entgehen. Ein wenig Hab und Gut auf dem Wagen fährt sie nach Torgau, stürzt vom Wagen und bricht sich das Hüftgelenk. Unter großen Schmerzen stirbt sie im Beisein ihrer jüngsten Tochter. Ein Frauenleben – Ihr Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben löste schon damals Anerkennung und Kritik aus. Sie hat mit ihrem Leben, Frauengeschichte geschrieben. Eine Aufwertung der Frau in der frühen Neuzeit. „Sie wusste, was sie will“ und setzte es in die Tat um. Für mich zeigt Katharina von Bora ein eigenes Profil. Kaum eine Frau war zu Beginn der Neuzeit wichtiger als sie – an der Seite des Reformators Dr. M. Luther.

Persönliches: Ich habe mit fünf Frauen ein Schauspiel über Frau Luther geschrieben. „Kennen Sie Frau Luther“. Als Dankeschön gönnten wir uns eine Reise nach Wittenberg-Torgau. In Torgau gingen wir stadteinwärts nach St. Marien, da, wo Katharinas Epitaph im Südchor der Kirche zu finden ist. Wir sehen auch heute ihr Bildnis eingemeißelt. Meine Blicke fallen auf ihre Hände, fest hält sie ein Buch – die Bibel. In Gedanken versunken denke ich an die Worte Luthers, als er zu Katharina sagte: „Lies du das Evangelium, es sei doch in diesem Buche alles gesagt“. Ja, auch zum Lesen der Bibel hatte sich Katharina von Bora Zeit genommen! Das war wohl ihre Kraftquelle. Wir legten ihr eine weiße Rose auf den Stein. Darum ist es gut sich ihrer zu erinnern. Sie gehört zu den Frauen und Müttern im Glauben.

Sigrid Pöllinger

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