Predigt zum Reformationssonntag von Pfarrer Markus Pöllinger

Taufpredigt (Psalm 18,30) am Reformationsfest (Römer 3, 21 – 28)

Liebe Gemeinde,

Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

Oder anders gefragt: Was muss ich tun, damit Gott mit mir zufrieden ist? So fragte Martin Luther vor 500 Jahren.

Als er beim Bibelstudium eine Antwort gefunden hatte, schlug er diese am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg. Luther erwartete am nächsten Tag einen guten Gottesdienstbesuch, vor allem von den Universitätsprofessoren. Mit ihnen wollte er über seine neue Erkenntnis diskutieren. Wir können uns die Leidenschaft gar nicht mehr vorstellen, mit der über diese Frage vor 500 Jahren in unserem Land gerungen wurde. In ungezählten Wirtshausgesprächen ging es um das Thema: Unter welchen Voraussetzungen nimmt mich Gott am Ende barmherzig an? Martin Luther hatte die Antwort auf diese Frage im Römerbrief gefunden. Dort heißt es bei Röm 3,21-28:

Ich tue das Richtige, wenn ich an Jesus glaube, wenn ich Jesus vertraue. Allein der Glaube zählt.

Wir fragen heute meist nicht wie Luther nach einem gnädigen Gott. Wir blicken nur noch auf uns und unsere Welt.

 Der Apostel Paulus sagt uns im Brief an die Römer, worin dieses Geheimnis liegt: Wir haben keinen Anteil mehr an der Herrlichkeit Gottes, die wir einst besaßen. Und nun sucht jeder auf seine Weise nach dieser verlorenen Herrlichkeit, nach diesem Glanz für sein Leben und fragt:

Was wird aus mir? Gibt es eine gültige Antwort auf diese Frage? Ich denke Ja. Sie lautet: Gott  nimmt die Sorge um unsere Zukunft in seine Hand. Er tut dies durch Jesus.

Die eigentliche Not unseres Lebens können nicht wir beseitigen. Unsere Verlorenheit kann nur Gott von uns nehmen. Und dies tut er durch Jesus, durch Jesu Leben, Sterben und Auferstehen. Jesus hat sich selbst für uns und unser ewiges Heil geopfert. Bei ihm dürfen alle Menschen ihre Schuld und auch ihre Sorge um die Zukunft ablegen. Durch Jesus rettet Gott uns aus unserer Verlorenheit und schenkt uns die Zukunft, die wir uns nicht selbst schaffen können.

Was Paulus an sich erfahren hatte, sollte er jetzt in die Welt hineintragen. Er soll dies als Evangelium weitergeben. Wer diese frohe Botschaft hört, zu dem tritt Jesus und bittet ihn: Vertraue dich mir an.

Mit wenigen Sätzen hat Paulus das ihm Geschenkte in seinem Brief an die Römer zusammengefasst. Sein Kernsatz lautet: Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch allein aufgrund des Glaubens gerecht ist. Gott nimmt uns an und schenkt uns unzerstörbares Leben, wenn wir seinem Sohn vertrauen, der für uns gestorben ist. Wer diesen Weg voll Vertrauen geht, macht das Richtige. Gott spricht ihn gerecht.
Wenn ein Mensch diesen Weg des Glaubens geht, ändert sich sein Leben von Grund auf. Das können wir an Zachäus, dem Oberzöllner aus Jericho, sehen (Lk19).

Auch Zachäus spürte, dass er keinen Anteil mehr an der Herrlichkeit Gottes besaß. Er wollte durch Reichtum und Besitz wieder eine Bedeutung auf sein Leben legen. Aber dann sagte Jesus diesem Mann: Zachäus, ich muss in deinem Hause einkehren. Darauf nahm Zachäus ihn mit Freuden auf. Glauben heißt bis heute das gleiche: Jesus in sein Lebenshaus aufnehmen. Jetzt war dem Zachäus eine Beziehung zu Gott geschenkt, die er vorher nicht mehr besaß. Die Frage: Was wird aus mir? war für ihn jetzt beantwortet. Er hatte einen neuen Grund für sein Leben geschenkt bekommen. Er konnte sagen: Ich gehöre zu Jesus und dadurch zu Gott. Ich bin für Zeit und Ewigkeit in seiner Hand. Für diese Barmherzigkeit kann ich Gott nur danken. So wurde Zachäus von der Sorge frei: Was wird aus mir?
Zachäus stellt jetzt auf einmal eine völlig andere Frage.

Ihn bewegt: Was wird aus den andern? Bisher hat er sie betrogen. Aber jetzt lebt er unter seinem Erlöser. Jetzt fragt er: Wie muss ich mein Leben gestalten, weil ich zu Jesus und durch ihn zu Gott gehöre? Wie kann ich weitergeben, was mir an Liebe und Barmherzigkeit geschenkt worden ist? Zachäus bringt, soweit es möglich ist, in Ordnung, wo er an anderen schuldig geworden war. Dieses Anliegen, wie es den andern geht, wird ihn jetzt lebenslang beschäftigen.

Alle glaubenden Christinnen und Christen sehen den Nächsten mit neuen Augen. Weil sie zu Jesus gehören, fragen sie: Wie kann ich jetzt mein Leben in meiner Familie gestalten? Wie werde ich ein lebendiges Glied meiner Kirchengemeinde? Wie kann ich mich als Christin, als Christ an meinem Arbeitsplatz bewähren? Und wie im öffentlichen Leben?

Bei unserem Bemühen, uns als Christinnen und Christen zu bewähren, werden wir sicher auch schuldig und oft mutlos. Aber wir dürfen immer wieder in Gottes Frieden einkehren und in Jesu Namen neu anfangen. Denn über unserem Leben gilt, was Jesus dem Paulus geschenkt hat und was er heute als Evangelium uns sagt: Es sind nicht unsere Werke, es ist der Glaube an Jesus Christus, der uns die Gerechtigkeit Gottes zugänglich macht.

Soweit die Gedanken zum Reformationssonntag.

  • Dazu paßt trefflich der Taufspruch des Niklas, der heute hier getauft wird. Er Lautet: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Und steht in Ps 18,30.

Zwei Aspekte möchte ich hervorheben für unseren Täufling und uns alle.

Erstens tröstet mich, dass der Vers lautet: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Hier ist nicht davon die Rede, dass die Mauern eingerissen werden. Das „Drinnen“ – Vertraute und Sichere – das Standbein bleibt. Hier haben wir immer noch Gemeinschaft, gemeinsamen Gottesdienst, Taufe und Abendmahl, Auftanken bei Gott. Das bleibt und hier können wir immer wieder hin zurückkehren. Bloß weil wir in die Fremde rausgehen, werden wir nicht heimatlos.

Und zweitens macht mir Mut, dass der Vers aus Psalm 18 lautet: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Das ist das Entscheidende. „Mit meinem Gott.“ Und das steht nicht ohne Grund vor dem Überspringen der Mauer. Mit Gott springen wir über die Mauer. Mit seiner Hilfe kommen wir nach draußen. Und mit seiner Hilfe können wir dem Leid begegnen und was tun. Gott macht Dinge möglich, von denen wir es vorher nie gedacht hätten.

Wie seine Jünger damals ruft Jesus uns heraus aus unserer verschlossenen Stube und schickt uns zu den Menschen. Und wie damals macht uns der Heilige Geist Beine und wird uns den nötigen Mut in unsere Herzen geben.

 

Ich fasse das alles noch einmal zusammen.

Ich tue das Richtige, wenn ich an Jesus glaube, wenn ich Jesus vertraue. Ich bin für Zeit und Ewigkeit in seiner Hand.  Ich bin durch Jesus von der Sorge frei: Was wird aus mir?

Und: Wir haben einen sportlichen Gott. Einen dynamischen Gott. Einen Gott der Bewegung. Einen Gott, der uns Beine machen will. Und er fordert uns heraus, über unsere Mauern zu springen.

Mit ihm und seiner Hilfe.

Gott will mit uns über Mauern springen.

Über die Mauern in unserem Leben, die uns einsperren. Misstrauen und Furcht vor Menschen. Gott holt uns raus aus toxischen Beziehungen und macht uns frei von Abhängigkeiten und Süchten. Gott springt mit uns über diese Mauern.

Und genauso will Gott, dass wir auch über die Mauern unseres Gotteshauses springen, um vom gemütlichen „Drinnen“ nach draußen zu kommen, zu den Menschen. Über die Mauern, hinter denen wir es uns vielleicht etwas zu gemütlich gemacht haben. Um das Verlorene und Verirrte zu suchen, das Hungrige zu speisen, das Verletzte zu verbinden und das Schwache stark zu machen.

Und ganz egal, über welche Mauern wir springen werden, mit Gott tun wir das. Egal, wie hoch die Mauer ist, das ist bei Gott möglich.

Dazu wünsche ich dem Täufling und uns den richtigen Weg, Vertrauen und den nötigen Mut. Amen.