Liebe Gemeinde,

„irgendwie passt es nicht so richtig zur Zeit“. So könnten die Jünger vor 2000 Jahren gedacht haben. Jesus hilft den Menschen, tut Wunder, verbreitet seine Lehre. Er wird gefeiert als der Messias, auf den alle gewartet haben. Und seine Jünger dürfen Zeugen sein. Sie dürfen mit Jesus reisen und seine Freunde sein. Doch so richtig freuen können sich die Jünger bei ihm nicht. Dafür sorgt Jesus schon selbst. Denn in allem was er tut, ist sich Jesus stets bewusst, dass eine Zeit des Leidens kommen wird. Er, der Menschensohn, muss leiden. Jesus Weg führt ihn ans Kreuz. Die Jünger wissen das. Und gleichzeitig passt es nicht zu dem, was sie mit Jesus erleben. Zu seinen Worten und Taten. Zu dem Leben und der Freude, die er den Menschen bringt.

Liebe Gemeinde,

irgendwie passt es gerade nicht bei uns. Jeden Tag lese ich aufs neue die beängstigenden Nachrichten aus Italien, Spanien und New York. Mache mir klar, wie ernst die Situation ist. Doch während ich das mache, sitze ich zu Hause und genieße die Zeit mit meinem Sohn. Freue mich, dass draußen scheinbar alles etwas ruhiger zugeht als sonst. Aber sobald ich diese Gedanken zulasse, kommt schon das schlechte Gewissen. Denn der Grund für diese Ruhe ist kein Schöner, sondern mit dem Virus ein ganz Schrecklicher. Ich empfinde derzeit eine starke Ruhe in der Unruhe der Welt, aber ebenso eine starke Unruhe in der Ruhe, die die Welt gerade ausstrahlt. So sehr ich darüber nachdenke, die aktuelle Situation ist nur schwer in Worte zu fassen.

Ich habe das Gefühl, dass ich dadurch ein wenig nachvollziehen kann, wie es den Jüngern ging, die sich mit Jesus auf den Weg zum Kreuz gemacht haben. Die mit ihm nach Jerusalem ziehen im Wissen, dass ihre gemeinsame Reise dort zu einem Ende kommen wird. Jesus wird dort gefangen, verhört, verurteilt und gekreuzigt. Der Menschensohn muss leiden. Zwar gibt ihnen Jesu Gesellschaft eine innere Sicherheit und Ruhe. Doch ist in dieser Ruhe auch die Unruhe über das, was noch kommen wird.

Das Einzige, was sie haben, ist die Hoffnung auf die Zukunft. Die Hoffnung, dass sich die Zeiten ändern werden. Die Hoffnung, die für uns Christen in Jesu Tod und Auferstehung an Ostern erfüllt wird. Jesus selbst prophezeit es ihnen und uns, wenn er sagt:

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Johannes 18, 36)

Die zukünftige Stadt, eine Hoffnung auf das, was kommt. Diese Hoffnung trägt die Jünger auf dem Weg nach Jerusalem zum Ende ihrer Reise mit Jesus. Und diese Hoffnung gilt auch für uns. Die Zeit, wie sie jetzt gerade ist, ist ungewöhnlich. Doch sie ist nicht bleibend. Es ist eine Phase, die jeder etwas anders wahrnimmt. Doch was uns vereint, ist die Hoffnung, dass wieder Normalität zurückkehrt. Dass wir das Zukünftige erwarten dürfen.

Bis dahin harren wir aus, bis wir Ostern feiern können. Vielleicht dieses Jahr nicht am 12. April. Vielleicht später, wenn sich für uns die Zeiten wieder ändern und die Welt wieder an Normalität gewinnt. Doch das Ende der Passion, das Ende dieser ungewöhnlichen Zeit, wird kommen.

Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Kraft und Zuversicht,

Ihr Pfarrer Julian Deusing