Laut einer Trend-Studie 2022 befinden sich Jugendliche in einem Dauer-Krisen-Modus: Corona, Klima, Krieg.

Bei 10 % sind sogar die psychischen Abwehrkräfte aufgebraucht. Nach Ansicht der Jugendforscher ist dies ein ernstes Warnsingal.

Sie brauchen dringend Hilfe und Unterstützung.

Vor allem:

Beteiligung (Partizipation) und

Wertschätzung (Anerkennung)

sind besonders wichtig.

Schenken wir Jugendlichen

doch wieder mehr Aufmerksamkeit!

Markus Pöllinger, Pfarrer 

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Was die Krisen mit jungen Menschen machen

Stand: 21.11.2022 12:33 Uhr

Corona, Klimawandel, Krieg – die Krisen hinterlassen ihre Spuren bei jungen Menschen. Viele klagen laut einer Studie über eine hohe psychische Belastung und ein Gefühl von Unsicherheit. Auch Schulden sind ein Thema.

Von Laura Schindler, SWR

Als die erste Corona-Welle über Deutschland hereinbrach, ging Michelle Pennington in die 11. Klasse. Schon davor hatte sie mit psychischen Belastungen zu kämpfen. Doch mit Onlineunterricht und Kontaktverboten wurde alles noch schlimmer, erzählt die heute 19-Jährige: „Das war ein extremer Einbruch. Allein mit der Schule ist ein großes Stück von meinem Leben und meiner Tagesstruktur verloren gegangen.“

Michelle fiel in ein tiefes Loch. Sie habe keine Lust mehr gehabt aufzustehen, war unmotiviert und habe sich abgeschottet. Den Tag habe sie im Bett verbracht, war viel auf Social Media unterwegs, um irgendwie die Zeit totzuschlagen. „Diese Zeit ist mir sehr im Kopf geblieben und hat mich geprägt. Ich bin viel vorsichtiger geworden“, sagt sie.

Studie „Jugend in Deutschland“

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ erscheint seit 2020 in halbjährlicher Folge und basiert auf einer repräsentativen Online-Befragung der deutschsprachigen Bevölkerung im Alter von 14 bis 29 Jahren. Insgesamt wurden 1027 junge Menschen im Zeitraum vom 04. bis 21. Oktober 2022 befragt. Die Trendstudie wird von dem Jugendforscher und Studienautor Simon Schnetzer in Kooperation mit dem Jugend- und Bildungsforscher Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann als wissenschaftlicher Berater und Co-Autor veröffentlicht.

Psychische Abwehrkräfte sind aufgebraucht

So wie Michelle geht es vielen Jugendlichen in Deutschland. Die Corona-Pandemie hinterlässt in der Psyche der Jugend dramatische Langzeitspuren, wie die aktuelle Studie „Jugend in Deutschland“ zeigt. Dort gibt ein Viertel der Befragten an, unzufrieden mit seiner psychischen Gesundheit zu sein. „Es ist nicht zu übersehen: Bei vielen jungen Menschen sind die psychischen Abwehrkräfte verbraucht und die Risikofaktoren mehren sich. Wir werten das als ein dringendes Warnsignal“, sagen die Studienautoren Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann.

Trendstudie "Jugend in Deutschland": Junge Menschen leiden unter Dauerkrisen und Zukunftsängsten

3 Min

Trendstudie „Jugend in Deutschland“: Junge Menschen leiden unter Dauerkrisen und Zukunftsängsten

Birgit Virnich, WDR, tagesthemen 21:45 Uhr, 21.11.2022

Auch der Kinder- und Jugendpsychologe Julian Schmitz von der Universität Leipzig sieht das Ergebnis mit Sorge: „Nur weil die Pandemie abklingt und Maßnahmen zurückgefahren werden, bedeutet das nicht, dass die psychische Belastung bei jungen Menschen abnimmt. Die bleibt weiterhin hoch.“

Die Studie macht deutlich, wie sehr junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren unter der Last der Krisen – Corona, Klimawandel, Ukraine-Krieg – leiden. Denn auch Faktoren wie Lebensqualität, wirtschaftliche Lage, gesellschaftlicher Zusammenhalt und politische Verhältnisse bewerten sie aktuell viel schlechter. „Diese Krisen tragen dazu bei, dass Jugendliche sich fühlen, als würden sie aus dem Tunnel gar nicht mehr herauskommen. Die Krisen überlagern sich und hören nicht auf“, sagt Schnetzer.

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„Massives Gefühl von Unsicherheit“

Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen sorgen sich wegen der Inflation. Sorgen bereiten ihnen auch der Krieg in Europa, der Klimawandel, die Wirtschafts- und Energiekrise sowie Altersarmut. Beim Thema Inflation sind es vor allem hohe Preise für Lebensmittel sowie bei Strom und Gas, die die Jugendlichen finanziell belasten. Jede und jeder Fünfte gab außerdem an, Schulden zu haben. „Hier hat sich ein massives Gefühl von Unsicherheit festgesetzt, das dazu führt, dass Jugendliche stärker im Jetzt leben als für die Zukunft zu streben“, sagt Jugendforscher Schnetzer.

Die Corona-Pandemie habe den Nährboden für die psychische Belastung der jungen Menschen gelegt, meint Kinder- und Jugendpsychologe Schmitz. „Die Lebensumwelt der Jugendlichen hat sich in der Pandemie so gedreht, viele wurden sehr zurückgeworfen und sind nun psychisch belastet.“ Das zeige sich in den Ergebnissen der Studie: „Wenn man psychisch belastet ist, dann ist man auch empfänglicher für weitere Sorgen und bei neuen Themen eher negativ. Man wird vulnerabler.“

Der durch die Pandemie stark angestiegene Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen spiele dabei eine große Rolle. In sozialen Medien würden harte Themen wie Klimakrise und Ukraine-Krieg oft ungefiltert und manchmal auch „katastrophisiert“ geteilt. Mit entsprechend negativen Folgen: „Einerseits sind mehr Krisen da, andererseits kriegen die Jugendlichen davon viel mehr mit“, sagt Schmitz.